Der Kolkrabe (Corvus corax) gehört zu den eindrucksvollsten Rabenvögeln Europas. Sein kräftiger Schnabel, das tiefschwarze Gefieder und seine imposante Erscheinung machen ihn schon auf den ersten Blick unverwechselbar, wenn man ihn einmal näher kennengelernt hat. In Spanien begegne ich dem Kolkraben besonders häufig in felsigen und gebirgigen Landschaften. Er kommt dabei vom Tiefland bis in hohe Gebirgslagen vor und ist ebenso in trockenen, offenen Regionen anzutreffen.
Für mich ist der Kolkrabe zudem eine dieser Vogelarten, bei denen nicht nur das Foto selbst interessant ist. Seine Intelligenz, sein ausgeprägtes Sozialverhalten, seine Beziehung zu großen Beutegreifern und nicht zuletzt die jahrhundertealten Geschichten und Mythen, die sich um ihn ranken, machen ihn zu einem außergewöhnlichen Motiv.
Im direkten Vergleich mit der Rabenkrähe wirkt der Kolkrabe deutlich massiger. Besonders auffällig ist für mich der Schnabel. Er ist wesentlich kräftiger und höher und besitzt eine stärker gebogene obere Linie. Wenn ich beide Arten unter guten Bedingungen sehe, ist das häufig eines der ersten Merkmale, an denen ich den Kolkraben erkenne.
Auch die verlängerten und teilweise struppig wirkenden Kehlfedern tragen zu seinem charakteristischen Erscheinungsbild bei. Im Flug kann außerdem die Schwanzform bei der Bestimmung helfen: Beim Kolkraben ist der Schwanz meist länger und eher keil- bis rautenförmig, während er bei der Rabenkrähe eher rundlich bis fächerförmig wirkt. Je nach Flughaltung und Auffächerung kann dieser Unterschied allerdings deutlich weniger ausgeprägt sein. Die Körpergröße kann ebenfalls helfen, ist auf einzelnen Fotos ohne direkten Größenvergleich allerdings schwer einzuschätzen.
Das schwarze Gefieder ist keineswegs einfach nur schwarz. Bei gutem Licht werden metallische Reflexe und feine Strukturen in den Federn sichtbar. Genau diese Details können in tiefem Schatten dagegen beinahe vollständig verschwinden.
Der Kolkrabe ist über weite Teile Spaniens verbreitet. Besonders häufig findet man ihn in zerklüfteten und gebirgigen Regionen sowie lokal an felsigen Küsten. Dabei ist weniger eine bestimmte Höhenlage entscheidend als die Kombination aus geeigneten Brutplätzen und Landschaften, in denen ausreichend Nahrung verfügbar ist.
Typisch sind Felswände, Schluchten und andere offene oder halboffene Landschaften. Gleichzeitig ist der Kolkrabe ausgesprochen anpassungsfähig. Ich habe ihn nicht nur in den Bergen beobachtet, sondern beispielsweise auch in trockenen Steppenlandschaften. Dichte geschlossene Wälder sind dagegen weniger charakteristisch als offene Gebiete, in denen die Vögel große Flächen nach Nahrung absuchen können.
In Spanien ist der Kolkrabe überwiegend ein Standvogel. Das bedeutet jedoch nicht, dass jeder Vogel das ganze Jahr über auf derselben kleinen Fläche bleibt. Besonders immature Kolkraben können größere dispersive Bewegungen unternehmen.
Auch zwischen Brutzeit und Winter kann sich die räumliche Verteilung verändern. Im Winter werden manche während der Brutzeit genutzten Gebiete zumindest teilweise verlassen, während sich Kolkraben andernorts stärker konzentrieren. Hinzu kommt, dass Nichtbrüter und jüngere Vögel wesentlich geselliger auftreten können als territoriale Brutpaare. Ergiebige Nahrungsquellen können deshalb mehrere oder sogar zahlreiche Kolkraben zusammenbringen.
Das erklärt auch, warum winterliche Beobachtungen manchmal einen ganz anderen Eindruck vermitteln als Begegnungen während der Brutzeit. Meine vielen Aufnahmen im Schnee bedeuten also nicht, dass der Kolkrabe in Spanien ein typischer Wintergast wäre. Die Art ist ganzjährig vorhanden.
Gerade im Winter ergeben sich Verhaltensaufnahmen, die weit über ein klassisches Porträt hinausgehen. Bei einem meiner Kolkraben konnte ich beobachten, wie er sich intensiv im Schnee badete. Dabei wurde der Schnee zwischen den Federn aufgewirbelt und blieb sogar an Schnabel und Gesicht hängen.
Solche Situationen sind fotografisch besonders interessant, weil Bewegung in ein ansonsten sehr ruhiges Motiv kommt. Gleichzeitig bildet der helle Schnee einen extremen Kontrast zum schwarzen Gefieder. Dadurch lässt sich die Silhouette hervorragend herausarbeiten, während die Belichtung des Gefieders besondere Aufmerksamkeit verlangt.
Kolkraben gehören zu den intelligentesten Vögeln und verfügen über ein komplexes Sozialverhalten. Sie lernen aus Erfahrungen, beobachten ihre Umgebung sehr genau und können das Verhalten anderer Tiere für die eigene Nahrungssuche nutzen. Besonders jüngere und nicht territoriale Vögel können sich an ergiebigen Nahrungsquellen zu größeren Gruppen zusammenschließen.
Innerhalb solcher Gruppen kommt es zu zahlreichen sozialen Interaktionen. Die Vögel kommunizieren über Rufe, Körperhaltung und Bewegungen und können sich auch in spektakulären Flugmanövern miteinander auseinandersetzen. Dabei sollte nicht jede körperliche Interaktion automatisch als ernsthafter Kampf interpretiert werden.
Eine der faszinierendsten Beziehungen des Kolkraben zu anderen Tieren besteht zu großen Beutegreifern. Besonders gut untersucht ist die Verbindung zwischen Kolkraben und Wölfen. Untersuchungen aus Nordamerika zeigten, dass Kolkraben Wölfen nicht nur an bereits vorhandenen Kadavern begegnen, sondern ihnen auch während ihrer Bewegungen und bei der Jagd folgen können.
Für den Kolkraben bietet das einen entscheidenden Vorteil. Große Kadaver sind räumlich und zeitlich schwer vorhersehbare Nahrungsquellen. Ein Wolf kann dagegen Beute aufspüren und außerdem die Haut eines großen Tieres öffnen, die für einen Kolkraben allein schwer zugänglich sein kann. Untersuchungen zeigten, dass Kolkraben Wolfsrisse ausgesprochen schnell entdeckten und anschließend von dieser Nahrungsquelle profitierten.
Die manchmal erzählte Vorstellung, Kolkraben würden gezielt verletzte oder geschwächte Tiere suchen und anschließend Wölfe zu genau diesen Tieren führen, geht allerdings über das hinaus, was sich zuverlässig belegen lässt. Faszinierend ist die nachgewiesene Beziehung auch ohne diese zusätzliche Interpretation: Der Kolkrabe beobachtet große Prädatoren und kann ihre Aktivitäten als Informationsquelle bei der Nahrungssuche nutzen.
Etwas Ähnliches beobachte ich regelmäßig bei der Fotografie von Greifvögeln und Geiern an Futterstellen. Rabenvögel gehören häufig zu den ersten Vögeln, die einen ausgelegten Kadaver oder eine andere Nahrungsquelle untersuchen. Sie nähern sich, prüfen die Situation und beginnen schließlich zu fressen, während größere Greifvögel teilweise noch aus größerer Entfernung beobachten.
Für mich sind Kolkraben und andere Rabenvögel deshalb keine störenden Nebendarsteller, die man verscheuchen sollte, um endlich den gewünschten Adler oder Geier vor die Kamera zu bekommen. Ihr Verhalten gehört zum natürlichen Geschehen an einer solchen Nahrungsquelle. Werden die bereits anwesenden Rabenvögel plötzlich unruhig oder fliegen auf, kann sich dadurch die gesamte Situation verändern.
Gerade bei der Fotografie von Greifvögeln lohnt es sich deshalb, nicht nur auf den eigentlichen Zielvogel zu achten. Weitere Eindrücke aus solchen Beobachtungssituationen findest du auch in meinem Beitrag Greifvögel in Spanien – Adler, Geier und Falken fotografieren.
Kolkraben sind ausgesprochen opportunistische Allesfresser. Zu ihrer Nahrung gehören Aas, Wirbellose, kleine Wirbeltiere, Eier und Jungvögel ebenso wie Früchte, Samen und andere pflanzliche Nahrung.
Der Kolkrabe ist dabei nicht ausschließlich Aasfresser. Er kann selbst lebende Beute ergreifen und nutzt Gelegenheiten sehr konsequent. Es existieren beispielsweise Beobachtungen von Angriffen auf neugeborene Lämmer. Solche Fälle sollten jedoch nicht den Eindruck erwecken, dies sei die normale oder hauptsächliche Ernährungsweise des Kolkraben. Sie zeigen vielmehr, wie flexibel und opportunistisch diese Art bei der Nahrungssuche reagieren kann.
Anders als manche gesellig brütenden Vogelarten bildet der Kolkrabe keine klassischen Brutkolonien. Brutpaare besetzen Territorien und verteidigen den Bereich um ihren Nistplatz.
In Spanien spielen Felswände eine besonders wichtige Rolle. Das große Nest wird häufig auf schwer zugänglichen Felsvorsprüngen oder in Felsspalten angelegt. Wo geeignete Felsen fehlen, können Kolkraben auch große Bäume sowie Strommasten und andere Bauwerke nutzen.
Die Brut beginnt vergleichsweise früh im Jahr. Für die Fotografie ist der genaue Neststandort jedoch nicht notwendig. Gerade bei einem so auffälligen großen Nest sollte während der Brutzeit ausreichend Abstand gehalten werden, damit die Vögel ihr natürliches Verhalten ohne Störung fortsetzen können.
Der tiefe, raue Ruf des Kolkraben trägt weit durch offene Landschaften und Bergtäler. Nicht selten höre ich einen Kolkraben deshalb, bevor ich ihn überhaupt entdeckt habe. Neben dem bekannten tiefen Rufen verfügt die Art über ein wesentlich umfangreicheres Repertoire unterschiedlicher Laute, mit denen die Vögel untereinander kommunizieren.
Gerade in den Bergen trägt die Stimme zur besonderen Atmosphäre einer Begegnung bei. Ein einzelner schwarzer Vogel auf einem alten, verwitterten Ast, dahinter eine helle winterliche Landschaft und dazu der weithin hörbare Ruf, solche Situationen erklären für mich zumindest teilweise, warum dieser Vogel Menschen seit Jahrhunderten fasziniert.
Kaum ein anderer europäischer Vogel ist kulturell so stark mit Mythen und Symbolen verbunden wie der Kolkrabe. Dafür gibt es durchaus Anknüpfungspunkte in seiner Lebensweise. Kolkraben sind große schwarze Vögel, ernähren sich unter anderem von Aas und können Kadaver erstaunlich schnell entdecken. In früheren Zeiten gehörten deshalb auch die Folgen von Schlachten zu den Situationen, in denen Raben Nahrung finden konnten.
Die Verbindung zwischen Raben, gefallenen Kriegern und Schlachtfeldern findet sich bereits in frühmittelalterlicher Literatur. Der Rabe wurde dadurch immer wieder mit Tod und schlechten Vorzeichen verbunden. Später kamen in Teilen Europas Vorstellungen hinzu, die Raben mit dunklen Mächten und Hexerei in Verbindung brachten. Dabei handelt es sich natürlich um menschliche Deutungen und nicht um Eigenschaften des Vogels selbst.
Eine besonders bekannte Rolle spielt der Rabe in der nordischen Mythologie. Odin wird von den beiden Raben Huginn und Muninn begleitet. Sie fliegen durch die Welt, sammeln Informationen und kehren zu Odin zurück. Die Namen werden gewöhnlich mit Gedanken beziehungsweise Erinnerung oder Gedächtnis in Verbindung gebracht. Dadurch erscheint der Rabe dort nicht nur als Begleiter von Krieg und Tod, sondern ebenso als Symbol für Wissen, Wahrnehmung und Information.
Interessant ist, wie gut zumindest dieser letzte Aspekt zu dem passt, was wir heute über echte Kolkraben wissen. Natürlich erklärt die moderne Verhaltensbiologie keine Mythologie. Aber der Kolkrabe ist tatsächlich ein äußerst aufmerksamer und lernfähiger Vogel, der andere Tiere beobachtet und Informationen aus seiner Umgebung für sich nutzen kann.
Fotografisch stellt der Kolkrabe eine ähnliche Herausforderung dar wie die Rabenkrähe, nur dass seine kräftigere Gestalt und sein ausgeprägter Schnabel noch einmal ganz andere Motive ermöglichen. Besonders wichtig ist für mich das Licht.
Im tiefen Schatten kann das schwarze Gefieder schnell zu einer nahezu strukturlosen Fläche werden. Gleichzeitig verschwindet das dunkle Auge beinahe im Kopf. Trifft dagegen gerichtetes Licht auf den Vogel, werden einzelne Federn, die Konturen des Kopfes und der metallische Glanz des Gefieders sichtbar. Trotzdem muss man darauf achten, die hell glänzenden Partien nicht unnötig ausfressen zu lassen.
Bei einem ruhig sitzenden Kolkraben benötige ich keine extrem kurze Verschlusszeit. Interessanter wird es, sobald der Vogel seine Haltung verändert, ruft, auffliegt oder mit anderen Kolkraben interagiert. Dann lohnt es sich, bereits vorher mit einer kürzeren Belichtungszeit vorbereitet zu sein, statt erst beim Abflug die Einstellungen zu verändern.
Bei bewegten Kolkraben arbeite ich gerne mit Augenerkennung und Serienaufnahme. Gerade bei einem schwarzen Vogel stößt die Augenerkennung nach meiner Erfahrung jedoch schneller an ihre Grenzen. Das dunkle Auge hebt sich bei ungünstigem Licht kaum vom ebenfalls schwarzen Kopf ab, und besonders im Flug kann die Kamera den Fokus dadurch verlieren. In solchen Situationen verlasse ich mich nicht ausschließlich auf die automatische Augenerkennung, sondern greife bei Bedarf stärker in die Wahl des Fokusfeldes ein und verfolge den Vogel mit dem Autofokus. Eine schnelle Serienaufnahme erhöht zusätzlich die Chance, genau den Moment zu erwischen, in dem Kopfhaltung, Flügelposition, Auge und Licht zusammenpassen. Schon innerhalb weniger Augenblicke kann sich die Wirkung einer Aufnahme deutlich verändern.
Besonders eindrucksvoll finde ich Kolkraben im Flug. Gerade in den Bergen kann man beobachten, wie sie aufsteigende Luftströmungen nutzen und mit erstaunlicher Leichtigkeit an Hängen und Felswänden entlanggleiten. Dabei wechseln ruhige Gleitphasen mit schnellen Richtungswechseln und teilweise ausgesprochen akrobatischen Flugmanövern. Ich habe solche Flüge sowohl bei einzelnen Kolkraben als auch bei zwei gemeinsam fliegenden Vögeln beobachtet.
Fotografisch lohnt es sich deshalb, nicht immer möglichst eng am Vogel zu bleiben. Ein kleinerer Kolkrabe vor einer weiten Berglandschaft kann die Dynamik des Fluges und gleichzeitig den Lebensraum besonders schön zeigen. Manchmal kündigt sich ein Kolkrabe zunächst nur durch seinen Ruf oder sogar durch einen großen vorbeiziehenden Schatten an. Gerade dann lohnt es sich, den Blick vom Boden zu lösen und die Umgebung aufmerksam zu beobachten.
Nicht jede gute Aufnahme eines Kolkraben muss ein enges Porträt sein. Besonders in den spanischen Berglandschaften gefällt mir die Kombination aus Vogel, Felsen, Wolken und Nebel. Ein Kolkrabe, der nur einen kleinen Teil des Bildes einnimmt, kann die Weite einer Landschaft sogar stärker vermitteln als eine formatfüllende Aufnahme.
Auch bei sitzenden Vögeln versuche ich, wenn möglich, eine niedrige Perspektive oder annähernde Augenhöhe zu erreichen. Ein ruhiger Hintergrund hilft dabei, die dunkle Silhouette und insbesondere das Auge hervorzuheben. Gleichzeitig dürfen Felsen, alte Äste oder andere Elemente des natürlichen Lebensraums durchaus Teil der Aufnahme bleiben.
Wer beide Arten häufiger beobachtet, entwickelt mit der Zeit meist schnell ein Gefühl für den Unterschied. Auf einem einzelnen Foto ist die Größe allerdings kein zuverlässiges Merkmal, wenn ein Vergleichsmaßstab fehlt. Dann achte ich besonders auf den schweren Schnabel, die kräftige Kopfpartie, die Kehlfedern und – sofern sichtbar – die Schwanzform.
Gerade deshalb lohnt sich auch ein Blick auf meine Seite zur Rabenkrähe. Eine weitere interessante Rabenvogelart in Spanien ist die deutlich kleinere Dohle. Zusammen zeigen diese Arten sehr schön, wie unterschiedlich Rabenvögel trotz mancher Gemeinsamkeiten in Erscheinung und Verhalten sein können.
Beim Kolkraben lohnt es sich für mich besonders, die Kamera nicht ausschließlich auf das perfekte Einzelporträt auszurichten. Ein rufender Vogel, ein Schneebad, eine Auseinandersetzung zwischen mehreren Kolkraben oder ein einzelner Vogel vor einer weiten Berglandschaft erzählen häufig wesentlich mehr über die Art.
Hinzu kommt seine Rolle im Zusammenspiel mit anderen Tieren. An Kadavern, in der Nähe großer Greifvögel oder in Landschaften mit großen Beutegreifern ist der Kolkrabe nicht einfach nur ein schwarzer Vogel am Rand des Geschehens. Er beobachtet, reagiert und nutzt Möglichkeiten. Genau diese Mischung aus Intelligenz, Anpassungsfähigkeit und jahrhundertealter kultureller Bedeutung macht ihn für mich zu einer der faszinierendsten Vogelarten Spaniens.
Weitere Vogelarten und ihre fotografischen Besonderheiten findest du in meiner Artenübersicht. Einen Überblick über meine Möglichkeiten zur Vogelfotografie in Spanien findest du außerdem unter Fotoreisen.
Du möchtest den Kolkraben und andere Vogelarten in Spanien fotografieren? Dann kannst du mich gerne unverbindlich über das folgende Anfrageformular kontaktieren. Ich freue mich darauf, von dir zu hören und gemeinsam die Möglichkeiten für deine Fotoreise zu besprechen.