Für viele Menschen beginnt der Frühling mit den ersten Schwalben oder dem Gesang anderer Zugvögel. Für mich beginnt er mit dem ersten Ruf der Zwergohreule (Otus scops). Sobald ich sie nachts wieder höre, weiß ich, dass sie nach Spanien zurückgekehrt ist. Und wenn ihr charakteristischer Ruf im Herbst verstummt, endet für mich auch ein weiterer Sommer.
Fast jede Nacht begleitet mich ihr gleichmäßiger Ruf. Anfangs wirkt er beinahe künstlich, fast wie das Signal eines technischen Geräts. Mit der Zeit gehört dieses Geräusch jedoch einfach zu den spanischen Frühlings- und Sommernächten dazu und ist für mich inzwischen zu einem festen Bestandteil dieser Jahreszeit geworden.
Die Zwergohreule gehört zu den kleinsten Eulen Europas und ist trotz ihrer weiten Verbreitung nur selten zu sehen. Während sie nachts durch ihren unverwechselbaren Ruf auffällt, bleibt sie tagsüber meist regungslos in Bäumen sitzen und verlässt sich vollständig auf ihre hervorragende Tarnung.
Im Frühjahr kehrt sie als Zugvogel aus ihren Überwinterungsgebieten nach Spanien zurück. Dort verbringt sie den Sommer, bevor sie im Herbst wieder nach Afrika zieht.
Jedes Jahr freue ich mich auf den Moment, an dem ich ihren Ruf zum ersten Mal wieder höre. Meist vergeht keine Nacht mehr, ohne dass irgendwo in der Nachbarschaft eine Zwergohreule ruft. Mindestens ein Brutpaar hält sich jedes Jahr in meiner Umgebung auf, vermutlich sogar mehrere.
Genauso deutlich bemerke ich aber auch den Herbst. Irgendwann verstummen die nächtlichen Rufe plötzlich wieder. Dann weiß ich, dass die Zwergohreulen ihre Reise Richtung Süden angetreten haben und eine neue Jahreszeit beginnt.
Obwohl ich die Zwergohreulen jedes Jahr höre, hatte ich lange Zeit nie versucht, sie zu fotografieren. Erst in diesem Frühjahr hörte ich tagsüber einen Ruf direkt in unserer Nachbarschaft und beschloss nachzusehen.
Ein Nachbar arbeitete gerade im Garten und hatte die Eule ebenfalls gehört. Gemeinsam standen wir mehrere Minuten unter einem kleinen Baum und suchten nach dem Vogel. Obwohl wir genau wussten, dass er direkt über uns sitzen musste, konnten wir ihn zunächst nicht entdecken.
Erst als ich plötzlich die leuchtenden Augen zwischen den Ästen erkannte, setzte sich das Bild im Kopf zusammen. Von diesem Moment an war die Zwergohreule deutlich zu erkennen. Kurz darauf entdeckte sie auch mein Nachbar. Dieses Erlebnis hat mir noch einmal gezeigt, wie perfekt ihre Tarnung selbst auf kurze Entfernung funktioniert.
Zwergohreulen besiedeln in Spanien unterschiedlichste Landschaften mit Bäumen, Parks, Gärten, Olivenhainen und lichten Wäldern. Tagsüber ruhen sie meist regungslos an einem Stamm oder dicht zwischen Ästen, wo ihr Gefieder nahezu mit der Rinde verschmilzt.
Nachts gehen sie auf die Jagd und ernähren sich überwiegend von großen Insekten sowie anderen kleinen Beutetieren. Häufig verlassen sie sich zunächst vollständig auf ihre Tarnung und fliegen erst dann auf, wenn eine Annäherung zu nah wird.
Die besten Chancen ergeben sich meiner Erfahrung nach häufig kurz nach ihrer Rückkehr im Frühjahr oder gegen Ende des Sommers. In dieser Zeit lassen sich Zwergohreulen häufiger beobachten als während der eigentlichen Brutzeit.
Wer ihren Ruf hört, sollte nicht versuchen, dem Vogel ständig zu folgen. Mit etwas Geduld entdeckt man sie oft an einem geeigneten Sitzplatz, ohne sie unter Druck zu setzen. Gerade weil sie ihrer Tarnung vertrauen, bleiben sie häufig ruhig sitzen, solange ausreichend Abstand eingehalten wird.
Da Zwergohreulen tagsüber häufig im Schatten von Bäumen sitzen, wirken Aufnahmen schnell zu dunkel. Eine leichte Überbelichtung hilft dabei, Details im Gefieder sichtbar zu machen, ohne dass helle Bereiche ausbrennen.
Da sitzende Zwergohreulen kaum Bewegung zeigen, reicht häufig bereits eine Verschlusszeit von etwa 1/640 Sekunde aus. Wichtiger als extrem kurze Belichtungszeiten sind eine saubere Fokussierung auf die Augen und eine ausreichend hohe ISO-Einstellung, um Details im Gefieder zu erhalten.
Durch ihre geringe Größe, die Federohren und die hervorragende Tarnzeichnung lässt sich die Zwergohreule meist gut von anderen europäischen Eulen unterscheiden. Schwieriger als die Bestimmung ist häufig überhaupt erst das Entdecken des Vogels.
Wer ihren gleichmäßigen Ruf kennt, kann die Art oft schon aus größerer Entfernung wahrnehmen. Bis die Eule schließlich zwischen Ästen oder direkt am Stamm sichtbar wird, vergehen jedoch nicht selten einige Minuten.
Zwergohreulen sollten niemals durch Tonaufnahmen angelockt oder verfolgt werden. Besonders während der Brutzeit reagieren viele Eulen empfindlich auf Störungen.
Mit ausreichend Abstand und etwas Geduld entstehen meist ohnehin die schönsten Beobachtungen. Zeigt die Eule Anzeichen von Unruhe oder verlässt ihren Sitzplatz wegen der Anwesenheit eines Menschen, sollte man sich sofort zurückziehen.
Weitere Vogelarten, die ich in Spanien beobachten und fotografieren konnte:
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